Na pamet - 

Aus dem Gedächtnis einer slowenisch-deutsch schweigenden Familie

Die Karawankenrepublik, so titelte im Mai 2o15 im Schauspielhaus Graz eine Lesung zum Gedenken an den 60. Jahrestag der Erstellung des österreichischen Staatsvertrages. Ich wurde eingeladen und beauftragt, für diesen Abend einen Text zu verfassen, der meine Geschichte, mein Heranwachsen als Angehörige der slowenischen Volksgruppe wiedergibt, was denn das Damals, das stattfand, bevor ich geboren wurde, mit meinem Heute zu tun hat.

Aus der Zusammenarbeit mit Dramaturgin Veronika Maurer (heute Volkstheater Wien) ist Na pamet - aus dem Gedächtnis einer slowenisch-deutsch schweigenden Familie entstanden. Ein Text, der auch DER Impulsgeber für die seit 2o15 - in Kooperation mit dem Künstlerkollektiv Rhizom - im Loibltal/Brodi und Graz stattfindenden Episoden der INTERFERENZEN war. Der Titel der Erzählungen geht auf einen von mir 2o14 verfassten Blogartikel im Rahmen der Aufführung von Immer noch Sturm von Peter Handke am Schauspielhaus Graz zurück, bei der ich als Statistin mitwirkte. In jenem Jahr schrieb ich auf die Frage nach meiner Herkunft: Ich stamme aus einer österreichischen Familie. Mein Vater ist 1939 in eine slowenisch sprechende Familie in Loibltal/Brodi geboren worden und heiratete 1966 meine aus dem damaligen Jugoslawien, heute Slowenien, stammende Mutter. Zur Schule ging ich erst in Ferlach, danach in Klagenfurt. Ich habe keine Erinnerung daran, ob meine Eltern „mehr slowenisch“ oder „mehr deutsch“ mit mir gesprochen haben. Es waren im Alltag, ob denn zu Hause oder in der Öffentlichkeit, immer beide Sprachen präsent. Kulturelle Tätigkeiten (Chor, Musikschule, Theater) und Kirche waren aber immer slowenisch besetzt, wie auch die Wochenendausflüge nicht in österreichische Gegenden stattfanden, sondern ins damalige Jugoslawien führten. Warum ich denn nicht ins slowenische Gymnasium ginge, dafür musste ich mich regelmäßig – in Erinnerung ist es mir eigentlich: täglich – vor Schulkollegen und mich fragende Erwachsene rechtfertigen – auch vor Angehörigen der slowenischen Minderheit. Ich bin mit dem Anderssein (sowohl auf der „Mehrheits-" als auch auf der „Minderheitenseite“) aufgewachsen. Dass mein Vater von Ereignissen weiß, über die sonst niemand spricht, und Erlebtem erzählt, das nicht in Geschichtsbüchern steht, war mir sehr früh klar. Heute – seit fast 23 Jahren nahezu durchgehend in Graz lebend – sage ich, ich stamme aus einer slowenisch-deutsch schweigenden Familie. 


Orte meiner Kindheit

Ferlach/Borovlje, Klagenfurt/Celovec

Eine Begegnung

2o15

Aufgrund meiner Sprache

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Wo die Erinnerung herkommt

Loibltal/Brodi

Der Ort der Kindheit meines Vaters

Loibltal/Brodi 1

Der Öffentlichkeit nicht preisgegeben

Österreich/Avstrija

1972

Ferlach/Borovlje

2007 1920

Loibltal/Brodi

Erinnerungsspuren I

Resi Juch

Erinnerungsspuren II

Die Taube / Die grüne Säge

Erinnerungsspuren III

Die Leiter

Die Sprache der Mütter

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Frieden am Papier

Kärnten / Koroška

Sommerfrische

Kärnten/Koroška

Wohin sie nach Hause kommt

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Erinnerung folgt keiner Chronologie. Die Reihenfolge der Erzählungen ist hier auf der Website anders als in der ursprünglich verfassten Version.  


Na pamet -  Aus dem Gedächtnis einer slowenisch-deutsch schweigenden Familie

Ich widerspreche der Linearität der Zeit und der Abläufe. Dem fassbaren Beginn und dem benennbaren Ende eines Ereignisses.

Alles beginnt, bevor es wahrnehmbar ist. Die unbewusste, richtungsgebende Entscheidung ist bereits unbestimmte Zeit vor dem ersten aktiven Schritt gefällt. Ebenso wie jedes Geschehnis nicht zu Ende ist, auch wenn die konkrete Situation abgeschlossen ist. In der Be-geben-heit ist mein ICH passive Empfängerin. Aus jeder Begebenheit gehe ich verändert heraus. Alles macht mich zu der Person, die ich gerade eben bin. 

Petra Kohlenprath, 2015 - 2018

 

Srčna zahvala - herzlichen Dank an Fr. Mag. Roswitha Ranz für das Korrektorat meiner Erzählungen. 

Wörterei Ranz, Graz