Der Ort der Kindheit meines Vaters

Damals, als Menschen noch zu Fuß ihre Alltagswege bestritten, war das Haus Loibltal/Brodi 1 erster Ankunftspunkt im Tal und damit auch Rastplatz und ein Ort der Kommunikation. Mein Vater erzählt, wie er als Kind beim Ofen gesessen ist, zum und, nachdem das Zimmer Fenster in zwei Himmelsrichtungen hat, immer schon frühzeitig gesehen hat, wer denn unterwegs sei. Er erinnert sich an die Lastwägen und Traktoren, mit welchen die Deutschen das Baumaterial zum Bau des Loibltunnel anlieferten. Die riesengroßen Schneefräsen beeindruckten den damals knapp fünfjährigen besonders. Er erzählt davon, dass er neugierig war, wohin denn diese Lastwägen fuhren, und seiner Mutter so lange in den Ohren lag, bis sie mit ihm zum Lagergelände ging. 

Mein Vater schreibt: „Mit der Mutter bin ich auch durch das KZ-Lager gegangen. Die gebückten Gestalten beim Gestein-Transport sind für mich ganz furchterregend gewesen. ... Zuhause gab es nachts Kontrollen der SS-Soldaten, welche mit angeschlagenen Gewehren durch mein Zimmer stürmten und nach entflohenen Gefangenen suchten.“

Geschundene, ausgemergelte KZ-Häftlinge sind nach Auflösung des Lagers als lebende Schutzschilder der SS-ler am Haus Loibltal 1 vorbeigetrieben worden. In den Folgetagen sah mein Vater tausende vom Krieg gezeichnete Menschen vom Süden her kommend am Weg Richtung Norden.

Sowohl Wehrmachtssoldaten als auch Partisanen gehen im Elternhaus ein und aus. Der eigene Vater ist erst als Wehrmachtssoldat in Russland, dann auf Usedom, schließt sich 1944 den Partisanen an, wird gefangengenommen, zur Hinrichtung verurteilt, wartet dreieinhalb Monate auf den sicheren Tod durch das Fallbeil, entkommt der Vollstreckung des Urteils.

Der Onkel meines Vaters zieht bereits Mitte der 1930iger Jahre nach München zur Ausbildung und fliegt jetzt die Tante YU 52. Zieht seine Kreise übers Loibltal. Mein Vater schaut dem tieffliegenden Flugzeug nach. Brüder und Großcousins meines Großvaters sind bei der SS, zwei in Hitlers Leibstandarte. Bis zu ihrem Tod sprechen sie untereinander ausschließlich Slowenisch.

Meine Schwester sagt, Loibltal/Brodi 1 sei das Haus am Schnittpunkt der Welten. 

Es klingt pathetisch, aber: wie ich es drehe und wende, sie hat Recht. Es ist das Haus am Schnittpunkt der Welten. Es selbst ist eine Verortung der Katastrophe – die bis heute noch kein Ende genommen hat.

Orte meiner Kindheit

Eine Begegnung

Aufgrund meiner Sprache

Wo die Erinnerung herkommt

Der Ort der Kindheit meines Vaters

Der Öffentlichkeit nicht preisgegeben

1972

2007 1920

Erinnerungsspuren I

Erinnerungsspuren II

Erinnerungsspuren III

Die Sprache der Mütter

Frieden am Papier

Sommerfrische

Wohin sie nach Hause kommt