Die Sprache der Mütter

Meine Oma Zefi, geboren 1909, ist die Älteste von unzähligen Geschwistern. Zefi (Josepha), Jaki (Jakob), Peter, Mizi (Maria), Kati (Katharina), Hanzi (Johann), Rosi (Roswitha), Folti (Valentin), Resi (Theresia), 1934 geboren der Jüngste: Mihi (Michael). Ein Bruder, Toni (Anton) verstarb im März 1945 an den Folgen einer Lungenentzündung, nachdem er als Wehrmachtssoldat von der Front ins Loibltal zurückkehrte. Sie alle sind Slowenisch sprechend Pr´ Bohinc in Brodi/Loibltal aufgewachsen.

Der Großteil der Geschwister, wohnt in den 1970igern in Ferlach. Fast alle sind erfolgreich verheiratet und haben pro Paar ein bis zwei Kinder – die wiederum auch alle in Ferlach und Umgebung leben. Erfolgreich heiraten und Kinder bekommen.

Sie heiraten erfolgreich: im Gegensatz zu meinem Vater, der sich eine Jugoslawin zur Frau genommen hat.

Meine Haare sind kniekehlenlang und: „Ach so schön!“. Für alles bin ich zu klein, zu jung, nicht passend angezogen.

Ich sitze über Jahre hinweg stundenlang in der Küche meines Elternhauses und beobachte, wie meine Mutter, sie ist Friseurin, den Tanten kunstvoll und geduldig Lockenwickler unterschiedlichster Größe am Kopf platziert, und während die zur Ordnung gezwungenen Haare unter der orangen Haube trocknen, kocht sie türkischen Kaffee. Den Kopf an die Küchentür gelehnt werden Augenbrauen gezupft – die Erinnerung an die dabei entstandenen Gesichtsausdrücke lässt mich heute noch Abstand davon nehmen, meinen Augenbrauen eine Form zu geben. Das Entfernen der Nadeln aus den Lockenwicklern und den selbigen aus den Haaren geht rasch. Erst in gekonnt fließenden Bewegungen mit der Rundbürste und in Folge mittels zuckendem Toupier-Kamm vollendet meine Mutter die der Mode entsprechenden Frisuren der Großtanten. Der Genuss des türkischen Kaffees und des Kuchens ist meist getrübt von der im Raum schwebenden „3-Wetter-Taft“-Wolke, die – nachdem der Kaffee in weniger als zehn Minuten getrunken ist den Aufenthalt der Tanten in unserem Haus überdauert.

 

Ob und worüber sich die Frauen unterhalten haben? Ich weiß es nicht. In Erinnerung ist mir aber die Sprache: Deutsch. Wie auch die Gespräche der unzähligen Großtanten und Großonkel untereinander bei Oster-, Geburtstags-, Hochzeitsfeiern. Ihr Wortschatz ist undifferenziert, klein, der Sprachfluss abgehackt. Jakis, Peters, Mizis, Hanzis, Foltis, Resis, Mihis Kinder haben die Ursprungssprache ihrer Eltern nicht gelernt bekommen.

Bei der 90. Geburtstagsfeier unserer Urgroßmutter trägt jede/r von uns ein Sträußchen auf der Brust, gebunden mit einem Band in den Kärntner Landesfarben. 

Babca, unsere Urgroßmutter, stirbt 1979 im 91. Lebensjahr. Ich bin zu dem Zeitpunkt sieben. Ich habe keine Erinnerung, sie je sprechen gehört zu haben.


 

Ich stamme aus einer Slowenisch-Deutsch schweigenden Familie, schrieb ich vergangenes Jahr auf die Frage hin, wo denn meine Wurzeln seien. Im Grunde genommen habe ich die Frage falsch beantwortet. Es wurde nach den Wurzeln und nicht nach dem Stamm gefragt. Geopolitisch wurzle ich in Österreich. Sprachlich gesehen wurzle ich in der Mehrsprachigkeit.

Orte meiner Kindheit

Eine Begegnung

Aufgrund meiner Sprache

Wo die Erinnerung herkommt

Der Ort der Kindheit meines Vaters

Der Öffentlichkeit nicht preisgegeben

1972

2007 1920

Erinnerungsspuren I

Erinnerungsspuren II

Erinnerungsspuren III

Die Sprache der Mütter

Frieden am Papier

Sommerfrische

Wohin sie nach Hause kommt