Erinnerungspuren I

Die seitdem im Weg stehende Truhe

Die Holzschindeln sind von innen sichtbar, Balken und Sparren. Es zieht. Der Dachboden ist niedrig. Die Schräge führt zum Boden. Es ist Platz genug, um als Kind auf dem hölzernen Pferd zu schaukeln. Gegenüber: eine Truhe, ein für den Raum viel zu großes Teil. Ich erinnere mich an Rasierer, die drinnen lagen, und wiederum kleinere Schachteln, in denen Sachen waren, die aus einer anderen Zeit stammten.

Diese Truhe hätte einer Tante der Oma gehört.

Ich gehe mittlerweile ins Gymnasium.

In einer Urne haben sie die Großtante gebracht. Mein Vater glaubt, aus Dachau. Man hätte gesagt, wegs Gallensteinen. Seine Stimme und sein Gesichtsausdruck sagen mir gleichzeitig, ohne Ton: „Sie haben sie umgebracht. Aber das darf ich nicht aussprechen.“

Resi Juch. Mein Vater weiß, dass sie ein Geschäft in Unterloibl gehabt hat. Und eine Adoptivtochter. Als Resis Mutter 1979 stirbt, wird ein neuer Familiengrabstein aufgestellt. Mein Vater fragt seinen Onkel, warum sie denn den Namen der am Friedhof begrabenen Großtante nicht auch mit draufgeben. Der Onkel fragt zurück: „Ist sie das?“

2012. Mein Vater findet in den Opferfürsorgeakten im Landesarchiv Kärnten Dokument Nr. 789. „Juch Theresia Juh Resi. Verhaftungsdatum: 3. 11. 1943. Verurteilung in Ravensbrück: 8. 2. 1944. Umgekommen in Auschwitz: 8. 11. 1944. Todesart: KZ. Kinder: Juch Else, verheiratete Stefling.“

Gewissheit.

Im Ungewissen bis heute der Verbleib ihrer Tochter.

2014. Das Haus eines verstorbenen Bruders meiner Großmutter wird im Loibltal abgerissen. Ein Bekannter bringt ein im Zuge der Aufräumarbeiten aufgetauchtes Foto meinem Vater nach Ferlach. Es zeigt Resi Juch in Unterloibl, vor ihrem Geschäft. „Resi Juch Gemischtwarenhandlung“ ist am Haus zu lesen, Werbetafeln für „Meinl Kaffee“ und anderes.

Mein Vater erfährt, dass seine Großtante zu einer Nachbarin gesagt haben soll, sie sei „Hitlers Schoßhündchen“. Die Nachbarin sei in Folge zur richtigen Stelle gegangen, und daraufhin hat man Resi Juh abgeholt.

Es ist ein Leiterwagen, mit dem er, der mit dem großen Schnauzbart, eine Frau zum Haus Loibltal 1 bringt. Die Frau hebt die Decke auf und nimmt eine vielleicht 30 x30 cm große Schachtel hervor.

Mein Vater hört jetzt noch seine Mutter schreien. 

Gemeinsam begräbt man die Urne am Friedhof im Loibltal.

Die Truhe hätte der Lastwagen gebracht. Eigentlich hätte sie ja jemand anderem zugestellt gehört, aber deren Haus war zu klein für die Truhe. Also hat man sie im Haus Loibltal 1 untergestellt. Seither stünde sie im Weg herum, erzählt mein Vater. 

Orte meiner Kindheit

Eine Begegnung

Aufgrund meiner Sprache

Wo die Erinnerung herkommt

Der Ort der Kindheit meines Vaters

Der Öffentlichkeit nicht preisgegeben

1972

2007 1920

Erinnerungsspuren I

Erinnerungsspuren II

Erinnerungsspuren III

Die Sprache der Mütter

Frieden am Papier

Sommerfrische

Wohin sie nach Hause kommt