Frieden am Papier

Kärntner Minderheit, Abwehrkampf und Ortstafelstreit sind die Schlagworte, die man in Kärnten mit der Volksgruppe der Slowenen verbindet. Geschichtliches Wissen existiert nicht. In Kärnten kehrte nach 1955 der Frieden „am Papier“ ein. Denn schon am nächsten Papier wurden mittels Mythen- und Legendenbildung tief verankerte Ängste der vom Nationalismus begeisterten Menschen hochgehalten:

Geschichten rund um den „grässlichen, mordenden, slawischen Bandit aus dem Süden“ – zu dem auch der Partisan gehört (= Heimatverräter), im Gegensatz zu dem „braven, fleißigen, heldenhaft mutigen Deutschkärntner“ (= heimattreu).

Diese Bilder haben sich bis heute im kollektiven Gedächtnis der Kärntnerinnen und Kärntner festgebrannt. „Dass die Slovena so schen singan“ und dass sie ihr eigenes Gymnasium haben, das wird seitens der deutschen Mehrheit vielleicht wahrgenommen. Und dass sie die slowenischen Ortstafeln wollen.


Ich sehe meine Eltern als Opfer zweier Traumatisierungen. Die erste traf meinen Vater durch die als Kind erfahrenen Ereignisse. Und die zweite traf Vater und Mutter infolge des Totschweigens der Ereignisse von jenen, die die Verantwortung dafür gehabt hätten, das öffentliche Zulassen von Lügen und das freie Interpretieren von Tatsachen nach 1945. Aufgrund des Nicht-Wort-Erhebens und Nicht-Wort-Haltens derjenigen, die die Pflicht gehabt hätten – auch im Sinne der Erfüllung des Staatsvertrages – die festgelegten Rechte der Slowenen zu gewährleisten.

Heute gehe ich so weit, dass ich schon allein das Wort „Minderheit“ für die slowenische Volksgruppe in Kärnten als Diskriminierung empfinde, da dieses eine Minder-Wertigkeit im Vergleich zur „Mehrheit“ impliziert. Wer bildet die „Mehrheit“? Was ist ihre Geschichte? Sind sie sich dieser bewusst?

Das Absprechen, die Leugnung des vom Anderen Wahrgenommenen ist psychische Gewalt. Wird die Geschichte nicht nur geleugnet, sondern darüber hinaus aus dem kollektiven Gedächtnis ausgeblendet, kommt das einer Lebensberaubung gleich. Das von der Politik zugelassene und sogar unterstützte Wort-an-sich-Reißen der Täter, derer, die das zur menschlichen Katastrophe führende System auch nach offiziellem Ende des Krieges, auch nach Zustandekommen und Unterzeichnung des Staatsvertrages, nicht reflektiert haben, hat das Berauben weiter gestattet.

Man verging sich nicht mehr an den Körpern von Menschen, sondern am als minderwertig definierten Selbst der unerwünschten Volksgruppe und schickte somit den Geist derer zum Himmel, die der im kollektiven Gedächtnis sehr wohl verankerten Darstellung des ruhmvollen Deutschen nicht folgten.

Das jahrzehntelange Ausblenden, das Totschweigen, das Ausnützen der anvertrauten Verantwortung, das Auf-die-lange-Bank-schieben von klaren Taten in Sachen Wiedergutmachung (was für ein Wort!) lassen die vom Nationalismus begeisterten Menschen ausgelösten, getragenen und ausgeführten Ereignisse bis heute währen. Entgeistert ist, was sie zurücklassen.

Orte meiner Kindheit

Eine Begegnung

Aufgrund meiner Sprache

Wo die Erinnerung herkommt

Der Ort der Kindheit meines Vaters

Der Öffentlichkeit nicht preisgegeben

1972

2007 1920

Erinnerungsspuren I

Erinnerungsspuren II

Erinnerungsspuren III

Die Sprache der Mütter

Frieden am Papier

Sommerfrische

Wohin sie nach Hause kommt