Der Öffentlichkeit nicht preisgegeben

Enthauptung der Partisanen am Straflandesgericht Graz

Ich kann es zeitlich nicht mehr zuordnen, seit wann ich weiß, dass mein Großvater zu Tode verurteilt auf seine Hinrichtung wartete. Genau kann ich mich aber auf die Situation erinnern, in der mein Vater es mir erzählt hat: In Ferlach, in der Küche, die Mappe mit Dokumenten vor sich am Tisch. In der Sammlung der Krankenhausbericht, aus dem hervorgeht, dass mein Großvater im April 1945 vom Straflandesgericht Graz aus, aufgrund seiner Kniegelenksentzündung, ins Spital Döllersheim, heute Allensteig, überstellt und dort operiert wurde.

Ende April 1945 hätte der Großvater von seiner Begnadigung erfahren. Bisher verfügen wir über eine Begnadigung kein Dokument.

Die Stimme und die Hände meines Vaters zittern. Ruhelosigkeit, Hektik, Aufregung. Ich frage ihn, warum er mit niemand darüber spreche? Entnervte Spannung seinerseits. Die Antwort: „Es ist da niemand, mit dem ich könnte.“ Ohnmacht und Überforderung meinerseits.


2010 besuchen meine Eltern und ich zum ersten Mal die am 1. November stattfindende Gedenkveranstaltung an die in den Jahren 1944/45 enthaupteten Männer und Frauen im Hinrichtungsraum des Straflandesgerichts Graz, in der Conrad-von-Hötzendorf-Straße. Die Stadt Graz veranstaltet dieses Treffen gemeinsam mit dem Verein CLIO. Man trifft sich um 9 Uhr vor dem großen Tor. Vertreterinnen und Vertreter der Grazer ÖVP, SPÖ, KPÖ und Grünen sind anwesend, Politiker aus Slowenien werden erwartet. Bürgermeister Nagl tritt an uns heran und begrüßt uns auf willkommen familiäre Weise. Meinem Vater schlägt das Herz hörbar laut.

2011. Handschriftlich verfasst von meinem Vater: „Nach einem Heimaturlaub im August 1944 ging der Vater zu den Widerstandskämpfern. Er wurde im Dezember 1944 in Mozirje bei Cili gefangengenommen und im Landesgericht Graz eingesperrt. Nach seiner Heimkehr erzählte er immer wieder von seiner Gefangenschaft. Seine Zelle musste er mit zwei Jüngeren teilen. Für ihn war kein Bett vorhanden. Er hatte große Schmerzen, da sein Knie stark geschwollen war. Seine Zelle im Parterre war gegenüber der Hinrichtungsstelle. Er hat viel mitgehört, wenn Hinrichtungen stattgefunden haben. Er hat täglich auf seine Hinrichtung, den Tod gewartet.“ 


 

Anfang Mai 1945 kam mein Großvater zur Reha ins oberösterreichische Gmunden. Aufgrund der eingegangenen Begnadigung wurde er von den amerikanischen Alliierten, als Wehrmachtssoldat eingestuft, festgenommen. Mehrere Monate musste er in unterschiedliche Lager in Deutschland.


Dan sv. Lenarta. Der Tag des Hl. Leonhard.

6. November 1945. Die Kinder des Dorfes gehen, wie es der Brauch vorgibt, mit brennenden Fackeln von der Feier in der Kirche nach Hause. Es ist Anbetungstag im Loibltal, dessen Kirche dem hl. Leonhard geweiht ist. 

Paul Kollenprat, mein Großvater, ist ohne Ankündigung wieder da.


Am Loibltaler Friedhof ist abgesehen meinem Großvater niemand begraben, der sich bereits vor Kriegsende 1945 bekennend den Partisanen angeschlossen hat.

Ich weiß nicht, ob mein Großvater es in der Öffentlichkeit erzählte, dass er in Graz dreieinhalb Monate lang seiner Hinrichtung gewiss war. Dass er es sah, wie Gefangene abgeführt wurden. Sie schreien hörte. Und er nie wusste, wann er dran sein wird. Vom Staat Österreich erhielt er eine einmalige Kriegsopferzahlung. Dieses Geld, so erzählt es mein Vater, hätte er im Gasthaus mit den anderen, jenen, die hofften, aus dem nächsten Krieg als Sieger hervorzugehen, versoffen.


Nur: Nie mehr Krieg! Das war, was mein Großvater sich bis zu seinem Tod 1973 wünschte und wofür er alles ihm Mögliche dafür tat.

 

Orte meiner Kindheit

Eine Begegnung

Aufgrund meiner Sprache

Wo die Erinnerung herkommt

Der Ort der Kindheit meines Vaters

Der Öffentlichkeit nicht preisgegeben

1972

2007 1920

Erinnerungsspuren I

Erinnerungsspuren II

Erinnerungsspuren III

Die Sprache der Mütter

Frieden am Papier

Sommerfrische

Wohin sie nach Hause kommt