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Vincenc Gotthardt berichtet in der Ausgabe vom 25. Juni 2017


Wer an der internationalen Gedenkveranstaltung für des Konzentrationslager Loibl Nord teilnimmt, kommt am Haus Loibltal/Brodi 1 (vulgo pr´Mih) nicht vorbei.

Neue Erinnerungen für eine Landkarte ohne Grenzen

Petra Kohlenprath sitzt in der Stube des Hauses Loibltal/Brodi 1 auf der Truhe, hinter ihr das Fenster und der Ausblick auf die Straße auf den Loibl. Um Tisch und  Bank - um den alten Kachelofen - viele Menschen. Nicht alle, die sich auch dieses Jahr vor diesem Haus - das erst vor zwei Jahren begonnen hat seine Erinnerungen öffentlich zu machen - versammelt haben, finden Platz. Mehr sind es, von Jahr zu Jahr. „Wie viel muss es sein, dass es etwas ist?“ überlegt Petra Kohlenprath.

Hinter ihr am Fenster sind 2 Briefe, 1 Kuvert, 7 Photographien und 22 Postkarten.  Irgendwann haben sie mit der Post das Haus Loibltal/Brodi 1 erreicht. Von diesem Haus aus sind es ein bisschen weniger als 5km bis zum Loibltunnel. Nur bis zum Loibltunnel? In den vergangenen zwei Jahren ist dieses Haus, das schon seit mehr als 30 Jahren unbewohnt ist, aber den Eindruck eines Museums vermittelt, in die Öffentlichkeit getreten - auch in Zusammenhang mit der KZ Aussenstelle Loibl Nord. Das Schweigen hat lange Zeit die Erinnerung an das Konzentrationslager geraubt. Hanzi Kohlenprath, Petras Vater, hat diese Erinnerung sein ganzes Leben in sich getragen und von ihr mit großer Geduld erzählt, bis Wort für Wort an die Öffentlichkeit gekommen sind und begonnen haben eine große, traurige Geschichte zu erzählen, die sich vor und im Haus Loibltal/Brodi 1 ereignet hat. Als Hanzi Kohlenprath als Kind durch das Fenster die vorbeigehenden Gefangenen in ihrer Lagerbekleidung sah, hat er erst begonnen die Welt zu erkunden. Niemand hat ihm erklärt, wer denn diese „sruteji“ - diese Armen sein - „sruteji“ - wie der Regisseur Marjan Štikar diese Menschen benannte - in einer Frage an Hanzi Kohlenprath erst vor wenigen Monaten. Damals, als sie am Fenster vorbei gingen, hat niemand vor dem Kind von den „sruteji“ - den Armen gesprochen. Und vor dem Fenster sind während des Krieges mal Nationalsozialisten, dann wieder Partisanen und nach dem Krieg Flüchtende gegangen - die durch den Loibltunnel hierher gekommen sind. Auch in dieser Stube waren sie - manche auch schwer verletzt - Nationalsozialisten, Partisanen, Flüchtende. Diese Bilder sind Hanzi Kohlenprath im Gedächtnis Hanzi Kohlenprath geblieben. Unvergessliche Bilder sind es - und sie konnten nicht nur in Erinnerung bleiben. Sie treten immer klarer in Erscheinung und mit jedem Jahr immer mehr auch Teil des Wissens vom Lager auf der österreichischen Seite des Loibls. „Mauthausen, Konzentrationslager Loibl 1943-1945“ - so steht es am Ort selbst.

Petra Kohlenprath greift nach den Briefen am Fenster, ließt aus ihnen. Ein Brief ist in Slowenisch verfasst, der andere in Deutsch. Jetzt schaut sie noch auf eine Postkarte und erzählt, wie sie mit dem Vater und der Mutter als sie noch ein Kind war in Titovi Drvar das Grab eines Vorfahren aus dem Haus Loibltal/Brodi 1 gesucht hätten. Sie haben das Grab gefunden unter Geäst und Gestrüpp. Vollkommen verwachsen. Auf dem Grabstein die Inschrift: „ Hier ruht Anton Kollenprat / geboren am 12.01.1893 in Loibltal / Kärnten. Gestorben am 29.11.1956“ . Langsam fügt sie die Geschichte der Postkarten, der Briefe und der Photographien zusammen. Langsam beginnt großes aus wenigen Dokumente zu werden. Namen hinterlassen Spuren und beginnen die Geschichte der Familie zu erzählen, deren Mitglieder sich in alle Himmelsrichtungen zerstreuten. Aber die Aufbrüche haben ihren Beginn. Petra Kohlenprath beschreibt eine Photographie: „Auf der Bank vorm Haus Loibltal/Brodi 1 macht Josef Renko Rast. Er ist auf seinem Arbeitsweg von Begunje ins benachbarte Ferlach. Miha Kohlnprat bringt ihm einen Schnaps, sie erzählen sich die Neuigkeiten. Die Liebe lässt Josef ab 1904 in Ferlach bleiben. In der Zeit arbeitet Mihas Sohn Anton als Büchsenmacher in Ferlach. Jetzt kehrt Anton bei Josef ein. Kurz nach 1920 zum letzten Mal. Er entscheidet sich, wie viele Ferlacher Büchsenmacher, da sie sich aufgrund ihrer Herkunft und Zugehörigkeit hier nicht mehr sicher fühlen, in Kranj seine Existenz aufzubauen. Jahre später wird die Arbeit die Büchsenmacher nach Kragujevac führen. Auch  Josefs Tochter Aloisia zieht weiter, um woanders Sicherheit zu finden.“ Gegangen sind sie. Nichts besonderes. Gegangen sind auch die anderen. aber aus dem Haus Loibltal/Brodi 1 habe sich manche Spuren nicht verloren, weil ihre Nachfahren sie auf ihrer Landkarte ohne Grenzen markiert haben. Hanzi Kohlenprath und seine Töchter Petra Kohlenprath und Renate Rogi sind der Geschichte auf ihren Grund gegangen. Und haben Wege zu zwei weiteren unbekannten Personen, die auf den Postkarten erwähnt werden, gefunden. Zu einem schneller, weil die Weltöffentlichkeit dabei mitgeholfen hat. Petra Kohlenprath war im Herbst 2016 im Augenblick hellwach, als sie im Internet folgenden Satz las: „Meine Mutter Ludmilla Reno, die dieses Jahr im August verstorben ist, stammte aus dem Ort Ferlach, der heute im österreichischen Kärnten liegt.“ Sie ließt weiter: „Vielleicht wäre es besser, wenn diese schmerzvolle Geschichte heute vergessen wäre, 

es hat sich ja so viel verändert, aber in den Gedanken meiner Mutter ist sie lebendig geblieben - war sie doch eine bewusste Slowenin.“  Diese zwei Sätze stammen vom Physik-Nobelpreisträger Duncan Haldane. Seine Mutter war Ljudmilla Renko, Tochter von Josef Renko, gebürtig in Begunje - der als Kaufmann seine Kunden im Rosental belieferte. Der Weg führte ihn damals beim neu errichten Haus Loibltal/Brodi 1 vorbei, wo er den Hausherren Miha Kohlnprat traf, der K&K Straßenmeister war.

Hinterm Tisch in der Stube Loibltal/Brodi 1 sitzt Alois Hotschnig nicht zum ersten Mal. Hier hat er Hanzi Kohlenprath zugehört, der ihm erzählte, was es vom Haus zum Erzählen gibt, was er gesehen hat, was in seinen Gedanken ist. Umsichtig wie immer, diesmal aber ohne dem Wunsch „dieses Museum“ - wie er sein Haus nennt - endlich zu schließen. Dem gebürtigem Kärntner Autor Alois Hotschnig hat er auch von den Brettern zum Dachboden erzählt, die vom einstigen Konzentrationslager am Loibl stammen. Das sind Bretter, hinter denen sich schlimme Geschichten des Leidens verstecken. Davon hat Hanzi Kohlenprath in seinem Wissensdurst als Kind aufgenommen. Einen Teil dieser Erzählungen hat Alois Hotschnig verschriftlicht. Unter die Eingangstür hätte er einen kurzen Brief mit der Bitte um ein Gespräch an Hanzi Kohlenprath geschoben und nur wenige Stunden später seinen sie gemeinsam beim Tisch gesessen, um den bereits vielmals erzählten Erzählungen gegen das Vergessen zuzuhören.

„Das war meine Geschichte“, sagte Hanzi Kohlenprath am 9. Juni am Musil Institut. Alois Hotschnig schrieb seine Erzählung in Ich-Form. Entstanden ist eine literarische Autobiografie eines Zeitzeugen. „In Sichtweite“, der Titel der Erzählung. Und wie er zu lesen beginnt, zeigt sich vor den Zuhörenden das Fenster, durch das der junge Hanzi auf die Straße schaut, die auf den Loibl führt. „Das ist eine Sternstunde der Zeitzeugenliteratur: Der Autor als Zuhörer, und der Erzähler öffnet sich ihm - und die Einsichten stehen in Zusammenhang mit der Straße zum Loibl.“ Aus der Erzählung spürt man auch das lange Schweigen. Man hat nicht gesprochen und wenn nur mit großem Widerwillen. Die einführenden Worte zur Lesung kamen von Peter Gstettner, ohne den es den außergewöhnlichen Text des Autors Alois Hotschnigs nicht gäbe. Auch am Anfang des öffentlichen Erinnerns an das Haus Loibltal/Brodi 1 steht er. Bei einer der Gedenkveranstaltungen beim ehemaligen Konzentrationslager Loibl Nord ist Hanzi Kohlenprath an ihn heran getreten und sich vorgestellt: „Ich bin Zeitzeuge“. Er stand nur wenige Meter entfernt von dem Ort damals - als er als Kind schauen gegangen ist, was die am Loibl wohl machen.

Aus dieses Jahr war Hanzi Kohlenprath mit seiner Familie bei der internationalen Gedenkveranstaltung. Wie auch Alois Hotschnig, der als Festredner auftrat. Der Jugendchor Danica gestaltete die Veranstaltung musikalisch, anwesend war auch Landeshauptmann Peter Kaiser, der Gast der Gedenkveranstaltung bereits vor seiner Wahl zum Landeshauptmann war. „Die Bekenntnis zur Demokratie ist der einzige wahrhaftige Dank all jenen, die damals bereit waren ihr Leben gegen die Barbarei zu stellen.“ auch die Deportation Slowenisch-Kärntner Familien fand bei diesem Gedenken seinen Raum. Alenka Weiss las einen von ihrer Schwester Katja verfassten Text. Ihre Mutter wurde vertrieben und nahm auf ihren Weg einen  kleinen Koffer mit. Bekommen hat sie diesen von ihrer Mutter wenige Minuten bevor sie ihre Heimat verlassen musste, mit den Worten, sie solle rein tun, was sie benötigen werde. „Wie viel Leben hat in einem kleinen Koffer Platz?“ So betitelt die Autorin ihre Nachdenken, welches sich mit folgenden Worten beendete: „Der kleine Koffer ist immer noch da und erinnert mich auch heute noch daran, dass das Vertrieben werden ein einziges traumatisches Erleben darstellt.“ Zu Wort meldete sich auch Valentin Inzko, der den Loibltunnel auch aus der Sicht der Flüchtenden kennt. Seine Mutter ist als junges Mädchen im Jahr 1945 durch ihn nach Österreich geflüchtet und in Suetschach ihre neue Heimat gefunden. Inzko bestätigte die Worte Gstettners. Erst vor 25 Jahren sei dieser Ort des Grauens langsam wieder ins Bewusstsein gerückt.

Und wieder sind wir im Haus Loibltal/Brodi 1. Petra Kohlenprath wünscht, dass Menschen an das Haus, das voll mit trauriger Geschichte ist, gute Erinnerungen haben. Das Haus Loibltal/Brodi 1 besuchte an dem Tag auch Valentin Inzko. „Mindestens tausend Mal bin ich hier vorbeigefahren“, stellte dieser fest. Das nächste Mal wird ihn der Weg auf den Loibl an zweierlei erinnern: an die harten Zeiten und an die neuen Begegnungen aus der gegenwärtigen Zeit im Haus Loibltal/Brodi 1. Es braucht nur wenig, dass Großes entsteht. Die Kohlenpraths gehen diesen Weg mit dem Haus an der Straße zum Loibl.

Übersetzung: Petra Kohlenprath