Orte meiner Kindheit

Ferlach
Mein Elternhaus trägt die Adresse: Feldgasse 18. Bis heute ist es so, dass nur jedes zweite Grundstück bebaut ist, die ungeraden Hausnummern sind unbebaut.

Die Nachbarn auf Nummer 12 grüße ich mit einem „Guten Tag“, die auf 22 „Dober dan“. Den Vater von 26 wiederum mit einem „Guten Tag“, die Mutter von 26 mal so, mal so. Freundschaftliche Nachbarschaft gibt es seitens meines Vaters weder zu den einen noch zu den anderen.

Die Kommunikation zwischen uns Kindern ist auf Deutsch.

Volksschulzeit in Ferlach
Weniger transparent verhält es sich für mich, als ich in die Volksschule komme und wir bunte Fähnchen zum Gedenken an den 10. Oktober, dem Tag der Kärntner Volksabstimmung, malen. Die sollen wir auf Anraten der Lehrerin zu Hause sichtbar am Haus platzieren oder eben bei der alljährlich stattfindenden Gedenkveranstaltung in der Hand schwenkend tragen. 

Da habe ich nun mein Dilemma: Wir/meine Eltern nehmen an der Gedenkveranstaltung nicht teil. Sie erlauben mir nicht, das freudvoll in der Schule gemalte Fähnchen in den Blumenkasten beim Fenster zu stecken. Die Eltern erklären. Ein „Aber warum?“ bleibt zu der Zeit in mir offen. Das bunte Feuerwerk sehen wir uns dennoch gemeinsam vom mit Thujen und Bäumen gesäumten Haus aus an. 

Slowenisch-Unterricht gibt es an der Volksschule zwei Stunden pro Woche. Wie viele den Unterricht besuchen? Vielleicht sind wir zu sechst? Oder auch weniger? Von 24. Jedenfalls haben die anderen zwei Turnstunden anstelle dessen. 

Was ich in der Zeit lerne ist, dass wir, sobald die Goldhaubenfrauen bei einer Veranstaltung angekündigt werden, wir sicher nicht teilnehmen.

Gymnasium in Klagenfurt
Im Gymnasium wird Slowenisch als Freigegenstand angeboten. Zwei Schulstunden wöchentlich. Das Schulgebäude am Klagenfurter Viktringer Ring beherbergt zwei Gymnasien. Das BG1 und das BG2. Der Direktor des BG1 gehört der ÖVP, der des BG2 der SPÖ an. Im Slowenisch-Unterricht sind Schülerinnen und Schüler des BG1 und des BG2 vereint. Meine Schwester und ich besuchen, wie auch die Buben aus Haus Feldgasse 22 das BG2. Das Besondere an dem Slowenisch Unterricht ist unter anderem, dass es auch ein Mehrklassensystem ist. Es gibt nur eine Gruppe, bestehend aus Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Schulstufen. Ich besuche den Slowenisch Unterricht gemeinsam mit meiner Schwester und den Nachbarn aus Haus Nummer 22. Trotz der Unterrichtszusammenlegung zweier Schulen und des klassenübergreifenden Systems sind wir nie mehr als fünf, sechs Schülerinnen und Schüler. Die Gruppe dünnt sich im Laufe der Jahre immer mehr aus.

Im Bus
Bei den täglichen Busfahrten von Ferlach nach Klagenfurt lerne ich Jugendliche aus dem benachbarten Zell Pfarre/Sele kennen. Sie besuchen das „Slowenische Gymnasium“ in Klagenfurt. Anders als die Kinder aus der Feldgasse sprechen und lachen sie slowenisch miteinander. Gern schließe ich mich ihnen während des Buswartens und -fahrens an. Sie heißen mich willkommen. Aber auch von ihnen bekomme ich die mir leidlich bekannte Frage, warum ich denn nicht ins „Slowenische Gymnasium“ ginge, gestellt. Ja, warum? – Ich stelle die Gegenfrage: Warum müsste ich?

Im Unterricht
1988. Siebente Schulstufe am Gymnasium in Klagenfurt.

Wir bereiten uns im Geschichtsunterricht auf den bevorstehenden Besuch im KZ Mauthausen vor. 

Ich hebe die Hand und sage, dass es im Loibltal zum Bau des Loibltunnels auch ein Lager gegeben hätte. Die Geschichtsprofessorin schüttelt den Kopf, winkt mit der Hand ab, murmelt, von mir aus dem Konzept gebracht: „So ein Blödsinn!“ und geht weiter in ihrem Programm. 

Verharre in Verwunderung. Mache meinen Mund nicht noch einmal auf.

Eine Generation später: 2005, Ferlach
Meine in Graz aufwachsenden Neffen, Marko und Philip, sind im Sommer bei den Großeltern in Ferlach. Die Buben sind zu der Zeit sechs und acht Jahre alt. Das im Süden angrenzende Nachbargrundstück ist durch einen luftigen Maschendrahtzaun getrennt. Marko und Philip rufen in der Sprache, in der sie sich auch in Graz mit ihren Freunden, in der Siedlung, in der Schule verständigen, den gleichaltrigen Kindern beim Nachbarhaus zu, ob sie denn gemeinsam was spielen wollten. 

Als Antwort bekommen sie von den davonlaufenden Kindern zu hören: „Ihr redet´s Windisch. Mir versteh´n eich nit“. 

Zu einem gemeinsamen Spiel kommt es nie.

Orte meiner Kindheit

Eine Begegnung

Aufgrund meiner Sprache

Wo die Erinnerung herkommt

Der Ort der Kindheit meines Vaters

Der Öffentlichkeit nicht preisgegeben

1972

2007 1920

Erinnerungsspuren I

Erinnerungsspuren II

Erinnerungsspuren III

Die Sprache der Mütter

Frieden am Papier

Sommerfrische

Wohin sie nach Hause kommt